Die geteilte Stadt Hebron im besetzten Westjordanland (auch genannt Westbank) ist seit langem ein Unruheherd der Gewalt mit einer Enklave von kompromisslosen und hoch gesicherten israelischen Siedler*innen nahe dem historischen Stadtzentrum, umgeben von hunderttausenden Palästinenser*innen und Sicherheitskräften sowohl des israelischen Militärs als auch der palästinensischen Verwaltung. Im Abstand von 100 Metern befinden sich Überwachungskameras, unter anderem angebracht an den Dächern von Privathäusern.

Durch die Integrierung von Gesichtserkennung in das wachsende Netzwerk von Kameras und Smartphones hat das israelische Militär ein breites Überwachungssystem aufgebaut, um Palästinenser*innen im gesamten Gebiet der Westbank zu kontrollieren. Diese Überwachungsaktion, welche im Laufe der letzten zwei Jahre eingeführt wurde, umfasst unter anderem eine Smartphone-Technologie namens „Blue Wolf“. Mit Hilfe dieser Technologie kann das Militär Porträts von Palästinenser*innen mit einer Datenbank von Bildern abgleichen - eine Datenbank, die so groß ist, dass sie ein ehemaliger Soldat als das geheime „Facebook für Palästinenser*innen“ der israelischen

Verteidigungsstreitkräfte beschreibt. Verbunden mit dieser Datensammlung ist eine Smartphone-App für Soldaten, welche durch das Aufleuchten in den Farbcodes rot, gelb oder grün den Befehl gibt eine Person entweder zu verhaften, aufzuhalten oder gehen zu lassen.

Zusätzlich zu Blue Wolf hat das israelische Militär in Hebron gesichtsscannende Kameras installiert, mit welchen palästinensische Personen an Checkpoints bereits identifiziert werden können bevor sie sich ausweisen. Ein weites Netzwerk von Fernsehkameras, genannt „Hebron Smart City“, bewacht die Bewohner*innen der Stadt in Echtzeit und sammelt laut einem ehemaligen Soldaten manchmal sogar Einblicke in Privathäuser.

„Diese Kameras sehen nur eines - Palästinenser*innen,“ sagt Issa Amro, Aktivist und Mitglied von Artists + Allies x Hebron. „Von der Sekunde an, in der du dein Haus verlässt bis zu dem Moment, in dem du es wieder betrittst, wirst du gefilmt.“

Eine weitere Smartphone-App namens „White Wolf“ wurde eigens für jüdische Siedler*innen in der Westbank entwickelt. Zwar dürfen Siedler*innen niemanden festnehmen, dennoch können sogenannte „Sicherheitsfreiwillige“ mit White Wolf die Papiere von Palästinenser*innen scannen, bevor diese eine Siedlung betreten, zum Beispiel auf ihrem Weg zur Arbeit.

Das Militär erwähnte „Hebron Smart City“ in einem Artikel aus dem Jahr 2020 auf der Website der Armee. Es zeigte eine Gruppe weiblicher Soldaten namens „Scouts“ (dt. „Späher“) vor Computermonitoren und mit Virtual-Reality-Brillen und beschrieb die

Initiative als „großen Meilenstein“ und „Durchbruch“-Technologie für die Sicherheit im Westjordanland. In dem Artikel heißt es: „In der ganzen Stadt wurde ein neues System von Kameras und Radaren installiert“, das „alles, was um sie herum passiert“ dokumentiert und „jede Bewegung und jedes ungewohnte Geräusch erkennen“ kann.

Im Gegensatz zu den Grenzkontrollen erfolgt die Überwachung in Hebron in einer palästinensischen Stadt, ohne dass die lokale Bevölkerung darüber explizit informiert wird. Diese Technologie ist ein weiteres Instrument der Unterdrückung und Unterwerfung des in der Westbank lebenden palästinensischen Volkes. „Während Überwachung und Privatsphäre an vorderster Front des globalen öffentlichen Diskurses stehen, sehen wir hier eine weitere schändliche Annahme der israelischen Regierung und des israelischen Militärs, dass grundlegende Menschenrechte von Palästinenser*innen schlicht irrelevant sind“, sagt Avner Gvaryahu, Geschäftsführer von Breaking The Silence, eine Organisation israelischer Militärveteranen.

Die Ironie der Lage in H2 – jenes Gebiet der Stadt Hebron, welches von Seiten des israelischen Militärs kontrolliert wird – ist, dass die palästinensische Bevölkerung zwar vom israelischen Militär ständig überwacht, von der internationalen Gemeinschaft gleichzeitig aber nicht gesehen wird. Die Gespräche mit den mutigen Bewohner*innen der Stadt, deren schieres Dasein einen Akt des Widerstands darstellt, zeigen, wie wichtig es ist, gerade mit diesen Menschen solidarisch zu handeln.

Denn ohne ihre Beharrlichkeit wäre H2 heute bereits ein rein jüdisches Gebiet. Durch das Leben in ihren Häusern, das Betreiben weniger Geschäfte im alten einst blühenden Markt und durch das Pflegen der Olivenbäume erhalten sie die Hoffnung aufrecht, dass dieses Land eines Tages zurück in den Besitz der Einheimischen gelangt.

Diese Projektionen übertragen Videomaterial von Livestream-Kameras, die wir in H2 platziert haben. Sie alle zeigen Bilder von den verschiedenen Olivenhainen der Stadt, welche teils über 900 Jahre alt sind und regelmäßig von jüdischen Siedler*innen angegriffen und entzündet werden.

Mit diesen Kameras trotzen wir dem ewigen elektronischen Auge des israelischen Militärs und verwenden diese technologische Waffe stattdessen für gemeinschaftsbildende Zwecke. Wir möchten dabei helfen, diese wertvollen Bäume wachend im Auge zu behalten und unsere Solidarität zeigen, indem wir sicherstellen, dass die Bewohner*innen und ihr täglicher Mut nicht nur überwacht, sondern auch gesehen werden.

{"language":"Deutsch","name":"Name","earliest-memory":"Was ist deine fr\u00fcheste Erinnerung?","enter":"Enter","about":"Info","hebron-h2":"Hebron H2"}